Kennen wir das nicht alle? Der Name, den wir von unseren Eltern bekommen haben, ist uns irgendwann in jungen Jahren nicht gut genug. Da muss es doch etwas Besseres geben?! Vielleicht ein Name aus einem Buch oder einem Film? Vielleicht der Name, den man als Spitznamen trägt.
Oder wir lernen jemanden kenne, der uns unsympathisch ist – und schon ist uns sein Name unsympathisch. Oder umgekehrt. Das eigene Kind bekommt den Namen einer Person, die uns ganz besonders am Herzen lag.
Wir lernen, mit diesem Namen zu leben. Ihn anzupassen. Ihn zu tragen, bis er dann doch passt. Und er mag immer noch nicht der Name sein, den man gern hätte. Aber er ist dennoch der eigene. Und wenn es gar nicht passt, dann kann man ihn gegen Geld ändern lassen.
Ich mag meinen Namen. Diana Tenaglia. Das klingt richtig und nach mir. Deshalb möchte ich ihn nicht ändern. Aber als ich diese Frage gelesen habe, habe ich an etwas anderes gedacht: Labels. Schubladen.
Wir geben Dingen Namen und stecken sie in Schubladen. Wir benennen gern uns viel. Und wir mögen unsere Schubladen. Das macht das Leben so viel einfacher. Aber es ist absolut falsch, in Schubladen zu denken. Denn die Welt ist eben nicht schwarz und weiß. Und jemand kann sowohl intelligent als auch bescheuert sein, um ein extremes Beispiel zu nennen. Vielleicht nicht zur gleichen Zeit, aber Menschen haben Facetten. Und die Welt hat Nuancen. Das kann man nicht in Schubladen packen und benennen.
Als ich mit 14 Jahren Sophie‘s Welt gelesen habe, gefiel mir besonders der Abschnitt über Aristoteles. Der die Welt in Schubladen gesteckt hat. Der Ordnung geschaffen hat. Der Dinge beim Namen genannt hat. Und ich wollte das in mein eigenes Leben übertragen.
So ordentlich ich bei der Arbeit bin, so chaotisch sieht es bei mir zu Hause aus. Etwas das ich einmal gelesen habe, und das mich sehr an Aristoteles erinnert, ist, dass man jedes Ding nach Gebrauch wieder an seinen Platz legen soll. Dann ist immer aufgeräumt und man weiß genau, wo es ist, wenn man es das nächste Mal braucht.
Aber bei mir sieht das dann so aus, dass ich beim Aufräumen ein bestimmtes Schema im Kopf habe und es mir ganz logisch erscheint eine Sache an den einen Ort zu legen. Wenn ich aber Tage später auf die Suche gehe, dann hat sich dieses Schema in meinem Kopf weiter verwandelt – und ich finde es, wenn überhaupt, erst sehr viel später.
Das kennen viele. Nachdem man aufgeräumt hat, findet man nichts mehr. Und ich glaube, das liegt eben daran, dass Schubladen falsch sind. Ein Ding kann nicht nur einen richtigen Ort haben. Ein Mensch kann nicht nur einen Namen tragen. Wir sind wesentlich komplexer als das. Und wenn wir in Schubladen denken, dann muss uns zumindest bewußt sein, dass es Schubladen sind. Und dass sie die Sache oder den Menschen nie ganz erfassen können.
Ich bemühe mich immer sehr, objektiv zu sein. Was natürlich gar nicht möglich ist, weil wir zutiefst subjektive Menschen sind. Aber ich halte mir immer wieder vor Augen, dass ich immer nur eine Seite zur gleichen Zeit sehen und wahrnehmen kann. Es aber deshalb die andere Seite auch noch gibt.
Wenn ich also einen Namen oder ein Label aussuchen müsste, dann wäre es immer noch Philosoph – Weisheit-liebender. Oder „anazitóntas tin alítheia“ – das klingt doch wie Musik?! Wahrheits-suchender. Auch wenn ich die objektive Wahrheit vielleicht nie finden kann, so versuche ich doch, ihr auf die Spur zu kommen. Und deshalb versuche ich, die subjektiven Wahrheiten zu verstehen.
Wenn man also mit anderen Menschen agiert, sollte einem nicht nur bewusst sein, dass man sich von der eigenen Subjektivität leiten lässt. Man sollte auch daran denken, dass dieser andere Mensch sich ebenfalls von der eigenen Subjektivität leiten lässt. Und seine Erfahrungen und sein Wissen hat ihn auf einen anderen Weg geführt als mich. Das macht meine Wahrheit nicht zu seiner Wahrheit.
Ich unterstelle anderen gern, dass sie nicht grundsätzlich böse sind und ebenfalls danach streben, ein gutes Leben zu führen. Vielleicht stimme ich nicht mit ihren Ansichten überein. Aber wenn ich sie nicht ernst nehme und mich weigere, sie in Schubladen zu stecken, kann ich sie nie von meiner Ansicht überzeugen.
Oi, ich glaube, ich schweife schon wieder in andere Gefilde ab. Aber auch das ist ein Zeichen dafür, dass Schubladen hinderlich sind. Man sollte seinen Gedanken keine Grenzen setzen. Seinen Handlungen dagegen schon. Aber das ist wirklich ein Thema für einen anderen Tag.